Einführung der Vathografie
Die Kunst des verborgenen Volumens einer Fotografie
Ein technischer Fortschritt kann die Tür zu einem neuen kreativen Prozess öffnen.
Mit der Veröffentlichung des Modells Marigold V2 eröffnet uns ein bisher verborgener Arbeitsschritt der Nachbearbeitung, die Tiefenkarte, die nun detailliert genug ist, um selbst zum Kunstwerk zu werden, einen neuen Zugang zum Fotografieren.
Karim Joseph Nassar · Vathografie-Praxis veröffentlicht am
Die Idee
Eine Kamera hält alles fest, was wir sehen: das Licht, die Farben, die Schatten; das hat schon immer geprägt, wie wir fotografieren. Marigold V2 zerlegt eine Fotografie nun in einzelne Bestandteile, mit der Detailtreue, die hochaufgelöste Kunstwerke brauchen. Seine Veröffentlichung hat in mir den Wunsch geweckt zu erkunden, was aus einer Fotografie wird, wenn sie auf ein einziges Element reduziert wird. Bei der Vathografie ist dieses Element das Volumen. Aus den Daten der Fotografie leitet ein Diffusion Transformer die Tiefe ab: die relative Entfernung jedes Punktes der Szene, geschätzt aus einem einzigen Bild. Das Ergebnis ist keine Fotografie im dokumentarischen Sinn mehr, sondern ihre Übersetzung in Volumen, die unter dem Licht verborgenen Formen.
Das verborgene Juwel
Die aus einer Fotografie abgeleitete Tiefe ist ein verborgener technischer Zwischenschritt: gedacht für die Nachbearbeitung, nicht dafür, gezeigt zu werden. Soll in Photoshop zum Beispiel eine realistische Objektivunschärfe entstehen, schätzt die Software zuerst die Tiefe und berechnet daraus, wie stark jeder Bildbereich weichgezeichnet wird.



Doch die Wiedergabe einer fotografierten Szene als Volumen enthält für sich allein weit mehr als den Zwischenschritt, für den sie gedacht war. Die Vathografie macht aus diesem technischen Schritt ein Kunstwerk und eröffnet neue kreative Wege, sich einer Szene zu nähern.
Das Wort
Vathografie, aus dem Griechischen vathos (Tiefe) + -grafie (Zeichnen, Schreiben): die Tiefe zeichnen.
- vathosTiefe
- -grafieZeichnen, Schreiben
Der neue kreative Fokus
In der Fotografie legt das Objektiv den Fokus im Moment der Aufnahme fest: Eine Ebene ist scharf, und die Entscheidung ist endgültig. Wenn wir mit dem Volumen arbeiten, fällt diese Einschränkung weg. Tiefe ist ein Wert, und der Fokus entsteht, indem wir diesem Wert Ton und Farbe zuordnen: Ein schmaler weisser Streifen hebt eine einzige Entfernung hervor, ein Verlauf verteilt die Aufmerksamkeit auf viele, und alle gewünschten Entfernungen lassen sich zugleich hervorheben. Der Fokus ist keine Eigenschaft des Objektivs mehr, sondern eine Eigenschaft des Bildes, frei gestaltet mit Kontrast oder Farbe.
Dieselbe Fotografie: drei Beispiele, wie sich der Fokus mit der Übersetzung ihrer Tiefe verändert.
Eine neue Art zu fotografieren
Die Nachbearbeitung, die den Prozess verändert: Für die Vathografie zu fotografieren heisst, dass wir eine Szene bei der Aufnahme nach ihrer Tiefe und ihrem Volumen lesen statt nach Licht und Farbe. Hier mit einer generierten Szene veranschaulicht:




Dieselbe generierte Szene mit anderer Beleuchtung und anderen Farben, und doch sehen die geschätzten Tiefenkarten gleich aus, weil die Elemente an denselben Positionen in der Tiefe liegen. Beim Fotografieren sehen wir von Licht und Farben ab und gehen eine Szene danach an, wie sich ihre Volumen in der Tiefe aufbauen. Das kann uns zu anderen Motiven und anderen Kompositionen führen. Das Motiv steht bei der Aufnahme noch nicht fest: Da der Fokus erst danach gewählt wird und mehrere Entfernungen gleichzeitig hervorgehoben werden können, kann jedes Element des Bildes zum Motiv werden, und eine Szene kann viele davon enthalten, die in verschiedenen Tiefen liegen. Ich denke, die interessantesten Vathografien werden aus Fotografien entstehen, die für die Vathografie gedacht sind, und dort beginnt die Erkundung.
Der Vathografie-Prozess
Die kreative Kontrolle liegt während des ganzen Prozesses beim Künstler. Beim Fotografieren trifft der Künstler kreative Entscheidungen zu Motiv und Komposition, gezielt für die Vathografie: Eine Szene wird danach gelesen, wie sich ihre Volumen in der Tiefe aufbauen. Sobald die Tiefenkarte aus der Fotografie abgeleitet ist, gestaltet der Künstler den kreativen Fokus, um die gewünschten Motive hervorzuheben und das Bild aufzubauen, vom sanften Dunst der Luftperspektive bis zum harten Kontrast gegensätzlicher Tonwerte oder Farben.
- 1FotografieEin gezielt für die Vathografie aufgenommenes Foto.

- 2VolumenschätzungMarigold V2 leitet die Tiefe aus der Fotografie ab.

- 3KunstwerkKreativer Fokus, frei gesetzt, und die persönliche Arbeit des Künstlers auf der abgeleiteten Karte.

Die Serie
First Steps into the Depth
Kontext und Neuheit
Schon früher sind Kunstwerke aus gemessener Geometrie entstanden. ScanLAB Projects arbeitet seit mehr als zehn Jahren mit Laserscannern und hat in Post-Lenticular Landscapes Muybridges Yosemite nachgezeichnet, und Punktwolken-Kunst, gebaut aus Laserscans oder aus vielen rund um ein Motiv aufgenommenen Fotografien, ist zu einem eigenen akademischen Forschungsgebiet geworden.
Der Ansatz der Vathografie ist ein anderer. Bei der Aufnahme braucht sie nur eine einzige Fotografie: Wir fotografieren frei mit unserer Kamera, ohne zusätzliche Ausrüstung, und das Volumen wird aus dem Bild selbst abgeleitet.
Die abgeleitete Tiefenkarte, ursprünglich als Zwischenschritt der Nachbearbeitung gedacht, wird zum endgültigen Kunstwerk erhoben: die Fotografie, auf ihr Volumen reduziert.
Die Praxis definiert den Fokus der Fotografie neu. Er wird nicht mehr bei der Aufnahme vom Objektiv bestimmt. Er wird zu einer kreativen Entscheidung, frei gesetzt, in jeder Entfernung, auf ein einzelnes Motiv oder auf mehrere zugleich.
Das verändert den Prozess selbst und gibt uns einen neuen Zugang zur Fotografie: Wir komponieren mit Tiefe und Volumen, gezielt für die Vathografie.
All dies mit der Detailtreue zu erreichen, die hochaufgelöste Kunstwerke brauchen, ist erst seit Kurzem möglich, mit der Veröffentlichung von Marigold V2. Das hat mich dazu gebracht, die Vathografie zu schaffen und am 1. Oktober 2026 zu veröffentlichen. Dank der grosszügigen Apache-2.0-Lizenz des Marigold-V2-Teams steht der Ansatz allen offen, und ich bin gespannt, was andere Kunstschaffende damit gestalten werden.
Credits
- Vathografie-Praxis geschaffen von
- Karim Joseph Nassar
- Statement zur Praxis
- doi.org/10.5281/zenodo.23103262 · Zenodo (CERN)
- Tiefenschätzung
- Marigold V2 — Igor Pavlovic, Thiemo Wandel, Anton Obukhov, Luca Bartolomei, Andrey Davydov, Fabio Tosi, Matteo Poggi, Sabine Süsstrunk, Dengxin Dai
Das Modell
Marigold V2: Revisiting Diffusion Transformers for Monocular Depth Estimation
ACM Transactions on Graphics (SIGGRAPH Asia 2026)
EPFL · HUAWEI Bayer Lab · University of Bologna
Veröffentlicht unter der Apache License 2.0
Kostenlose Tools
ComfyUI. Für die Tiefenschätzung habe ich gleich bei der Veröffentlichung mit Marigold V2 zu arbeiten begonnen und mit einem LLM eine eigene Pipeline gebaut, bevor ComfyUI es unterstützte. Inzwischen läuft es nativ in ComfyUI, mit einer fertigen Vorlage und einer Anleitung (auf Englisch).
Ein Hinweis für alle, die neu mit ComfyUI arbeiten: ComfyUI ist kostenlos und Open Source, und alle können dafür Custom Nodes veröffentlichen. Einige enthielten schon Schadcode. Die verlinkte Anleitung ist die offizielle native Implementierung.
Blender. Für den kreativen Fokus ordne ich die Tiefenwerte in Blender neu zu, der freien Open-Source-Software für 3D-Gestaltung.
Schwesterpraxis
Askiagraphy: eine Fotografie, deren Erscheinung ohne Licht und Schatten geschätzt wird und so ihre wesentlichen Farben und ihre stille Struktur offenlegt.
Über mich
Karim Joseph Nassar, multidisziplinärer Digitalkünstler, ansässig im Kanton Bern, Schweiz.

